EN 301 549 V4.1.1 und WCAG 2.2: Was sich für Ihre Website ändert

Stand: 30. September 2026. Allgemeine Information, keine Rechtsberatung.

Kurz gesagt: Die EN 301 549 ist die europäische Norm für die Barrierefreiheit digitaler Produkte und Dienstleistungen. Die Fassung V4.1.1 wurde im September 2026 veröffentlicht. Für Websites ist die wichtigste Änderung der Wechsel von WCAG 2.1 zu WCAG 2.2 auf den Stufen A und AA – das sind sechs zusätzliche Erfolgskriterien. Nur eines davon, die Zielgröße, lässt sich automatisch prüfen. Die anderen fünf muss ein Mensch prüfen.

Was die EN 301 549 ist und was V4.1.1 ändert

Die EN 301 549, „Accessibility requirements for ICT products and services“, wird gemeinsam von ETSI, CEN und CENELEC herausgegeben. Sie ist die Norm, die die Europäische Kommission zur Unterstützung des European Accessibility Act in Auftrag gegeben hat. Die Fassung vom September 2026 ist V4.1.1. Abschnitt 9 behandelt Webinhalte und übernimmt dafür die Web Content Accessibility Guidelines des W3C.

Die Vorgängerfassung V3.2.1 übernahm WCAG 2.1. V4.1.1 übernimmt WCAG 2.2 auf den Stufen A und AA. Außerdem wurden die Anforderungen an Nutzereinstellungen und an Echtzeittext überarbeitet, und neue Anhänge ordnen die Abschnitte der Norm den Anforderungen des European Accessibility Act zu. Für eine typische Website oder einen Shop sind die WCAG-2.2-Kriterien der entscheidende Teil.

Die sechs neuen Erfolgskriterien

Erfolgskriterien der WCAG 2.2 auf den Stufen A und AA, die in WCAG 2.1 nicht enthalten waren
ErfolgskriteriumStufeWas es verlangtAutomatisch prüfbar?
2.4.11 Fokus nicht verdeckt (Minimum)AADas Element mit dem Tastaturfokus wird nicht vollständig von etwas verdeckt, das die Seite darüberlegt – etwa einer fixierten Kopfzeile, einem Cookie-Banner oder einem Chat-Fenster.Nein
2.5.7 ZiehbewegungenAAAlles, was per Ziehen bedient wird – Schieberegler, sortierbare Listen, Karten –, lässt sich auch mit einzelnen Klicks oder Tipps bedienen.Nein
2.5.8 Zielgröße (Minimum)AASchaltflächen und Links sind mindestens 24 × 24 CSS-Pixel groß oder haben genügend Abstand. Links im Fließtext sind ausgenommen.Ja, weitgehend
3.2.6 Konsistente HilfeAHilfe, die auf mehreren Seiten erscheint – Kontaktdaten, ein Chat, ein Hilfe-Link –, steht im Verhältnis zum übrigen Inhalt immer an derselben Stelle.Nein
3.3.7 Redundante EingabeAAngaben, die Kunden in einem Ablauf bereits gemacht haben, werden vorausgefüllt oder zur Auswahl angeboten und nicht erneut abgefragt. Der Klassiker: die Rechnungsadresse nach der Lieferadresse.Nein
3.3.8 Barrierefreie Authentifizierung (Minimum)AADie Anmeldung hängt nicht von einer Gedächtnis- oder Rätselaufgabe ab, für die es keine Alternative gibt. Passwortmanager und Einfügen müssen funktionieren; ein CAPTCHA zum Abtippen braucht einen anderen Weg.Nein

WCAG 2.2 streicht außerdem ein Kriterium: 4.1.1 Syntaxanalyse ist entfallen. Das W3C erläutert jedes neue Kriterium in „What’s New in WCAG 2.2“ (auf Englisch).

So prüfen Sie die fünf, die kein Scanner prüfen kann

Was das rechtlich bedeutet

Eine harmonisierte Norm begründet eine „Konformitätsvermutung“, sobald ihre Fundstelle im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht ist. Für V4.1.1 stand dieser Schritt bei Redaktionsschluss noch aus; er wird gegen Ende 2026 erwartet. Bis dahin ist die Norm veröffentlicht, die Vermutungswirkung greift aber noch nicht.

Zwei Dinge sind bis dahin gut zu wissen. § 14 Abs. 3 BFSG verlangt schon jetzt, Änderungen der harmonisierten Normen zu berücksichtigen. Und wer WCAG 2.2 erfüllt, erfüllt auch WCAG 2.1 – nach 2.2 zu arbeiten kostet also nichts gegenüber dem bisherigen Maßstab. Ob und ab wann V4.1.1 für Ihre Dienstleistung verbindlich ist, ist eine Frage für eine Anwältin oder einen Anwalt.

WCAG 2.2 AA zu erfüllen ist außerdem nicht dasselbe, wie die gesamte EN 301 549 zu erfüllen: Die Norm enthält weitere Anforderungen, etwa an Dokumente, Software und Support-Dienste.

Was Sie jetzt tun sollten

  1. Prüfen Sie nach WCAG 2.2, nicht nach 2.1. Vergewissern Sie sich, dass Ihr Scanner oder Ihre Prüfstelle die 2.2-Regeln tatsächlich ausführt – manche Werkzeuge enden noch bei 2.1.
  2. Gehen Sie die fünf manuellen Prüfungen oben für Ihre wichtigsten Seitenvorlagen und Ihren Bestellprozess durch.
  3. Beheben Sie zu kleine Klickflächen zuerst in gemeinsamen Bausteinen – Symbol-Schaltflächen, Seitennavigation, Links im Seitenfuß –, denn eine Korrektur wirkt dort überall.
  4. Aktualisieren Sie den in Ihrer Erklärung zur Barrierefreiheit genannten Standard, sobald Sie danach geprüft haben.

RampCheck führt die WCAG-2.0-, 2.1- und 2.2-Regeln von axe-core auf den Stufen A und AA aus, einschließlich der Prüfung der Zielgröße. Die anderen fünf Kriterien prüft es nicht, weil das kein automatisiertes Werkzeug zuverlässig kann.

Häufige Fragen

Wann wurde die EN 301 549 V4.1.1 veröffentlicht?

Die veröffentlichte Norm trägt das Datum September 2026 (V4.1.1, 2026-09).

Ersetzt WCAG 2.2 die WCAG 2.1?

WCAG 2.2 ist abwärtskompatibel: Eine Seite, die WCAG 2.2 erfüllt, erfüllt auch 2.1 und 2.0 – mit der einen Ausnahme, dass das Kriterium 4.1.1 Syntaxanalyse gestrichen wurde.

Welche WCAG-2.2-Kriterien lassen sich automatisch prüfen?

Von den sechs neuen Kriterien der Stufen A und AA deckt axe-core nur 2.5.8 Zielgröße (Minimum) mit einer Regel ab. Die anderen fünf erfordern manuelle Tests.

Brauche ich WCAG 2.2 Stufe AAA?

Nein. Die EN 301 549 verlangt für Webinhalte die Stufen A und AA. Kriterien der Stufe AAA führt die Norm nur zur Information auf.

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Quellen

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